11.1 Regelbildung in der Geldpolitik

Das Problem der Zeitinkonsistenz geldpolitischer Ankündigungen und Maßnahmen muss im Rahmen der etwas allgemeineren Frage der Regelbindung der Geldpolitik eingebettet werden. Grundsätzlich stellt sich in der Geldpolitik, stärker noch als in anderen Politikfeldern, die Frage der Regelbindung, d.h. wie Entscheidungen in der Notenbank getroffen werden. Man kann sich diese ähnlich einer Farbskala von schwarz bis weiß vorstellen, wobei an den Rändern die freie Entscheidung der Notenbank (diskretionäre Geldpolitik) und die strikte Befolgung einer Regel stehen. Es gibt eine Vielzahl von möglichen Regeln, wovon die bekanntesten die fixe jährliche Steigerung der Geldmenge um k% (Friedman-Regel), ein konstanter Zinssatz und die Taylorregel (eine Feedbackregel, die den Zinssatz je nach Über- oder Unterschreiten von Zielinflation und Ziel-BIP anpasst). Vorteil der Regelbindung ist hier die Transparenz und Vorhersagbarkeit, die die allgemeine Unsicherheit reduziert. Nachteil ist die mangelnde Flexibilität in besonderen Situationen, wie der aktuellen Krise. Vorteil der diskretionären Politik ist hohe Flexibilität mit der die Maßnahmen an die Situation angepasst werden können. Nachteil ist die unter Umständen geringe Transparenz und mögliche Principal-Agent- und Zeitinkonsistenz-Probleme.

Die Geldpolitik soll durch Ihre Maßnahmen (z.B. Zinsänderungen, Geldmengenausweitung, unkonventionelle Maßnahmen, Regulierung usw.) sowie Ihre Kommunikation bestimmte Ziele, z.B. Preisstabilität, Finanzsystemstabilität, Unterstützung der Wirtschaftspolitik usw. erreichen. Da die Geldpolitik für die gesamte wirtschaftliche Entwicklung und jede ökonomische Entscheidung in Unternehmen von herausragender Bedeutung ist, muss sie um diese Ziele erreichen zu können, zudem die Unsicherheit über die zukünftige Entwicklung der Geldpolitik möglichst gering halten. Dieses Spannungsverhältnis aus einer möglichst passenden Reaktion auf unerwartete Entwicklungen und einer nicht zu sprunghaften Reaktion wird zusätzlich durch die Zeitverzögerungen (Lag-Problematik), die bis zu zwei Jahren betragen können, verschärft.

Lag-Problematik

Als Lag-Problematik der Geldpolitik bezeichnet man die Zeitverzögerung, die zwischen der Entstehung eines ökonomischen Schocks, auf den die Geldpolitik reagieren sollte, und der Wirkung der geldpolitischen Maßnahmen liegt. Diese Zeitspanne beträgt oft bis zu zwei Jahre!

Die gesamte Zeitspanne lässt sich in drei Abschnitte aufteilen, das Inside Lag, das Intermediate Lag und das Outside Lag. Das Inside Lag ist zum einen die Zeit, die innerhalb der Notenbank gebraucht wird, um die Informationen über gesamtwirtschaftliche Entwicklungen zu erhalten (Information Lag). Hinzu kommt die Zeit, die benötigt wird, um aus den erhaltenen Daten, Schlüsse über die ökonomische Entwicklung zu ziehen (Recogition Lag). Zum Schluß muss innerhalb der Notenbank noch eine Entscheidung über die Art und Höhe der zu treffenden Maßnahmen getroffen werden (Decision Lag). Dies findet meist zu festgesetzten Zeitpunkten statt. Wenn die Notenbank dann eine geldpolitische Veränderung bewirkt, z.B. den Leitzins ändert, dann wirkt diese Änderung in die Finanzmärkte und insbesondere den Kreditsektor hinein. Die Dauer, bis die Banken ihre Zinsen angepasst haben, wird mit Intermediate Lag bezeichnet. Das Outside Lag beschreibt dann die Zeitspanne bis die geänderten Bankzinsen ihre ökonomische Wirkung entfalten. Die Gesamtspanne, bis eine geldpolitische Maßnahme volle Wirkung zeigt, beträgt ca. 2 Jahre, kann aber abhängig von verschiedenen Umständen auch deutlich schwanken.

Principal Agent Problematik

Das Pricipal-Agent Problem beschreibt die unterschiedlichen Ziele, die die Entscheidungsträger (Agenten), hier die Notenbank und/oder Regierung, und die Auftraggeber (Prinzipale), hier die Gesellschaft, haben. Aufgrund der Komplexität der ökonomischen Zusammenhänge, grundsätzlichen Problemen der Meßbarkeit, der Lag-Problematik und der Informationsasymmetrie (Die Notenbank hat deutlich besseren/schnelleren Zugang zu den relevanten Informationen als die Gesellschaft.) kann die Arbeit der Notenbank aber nicht exakt kontrolliert und bewertet werden, so dass diese in gewissen Grenzen ihre eigenen Ziele verfolgen kann.1 Das typischerweise verendete Beispiel, ist das einer Gesellschaft, die der Notenbank das Mandat der Preisstabilität gegeben hat. Die Entscheider in der Notenbank könnten jedoch, z.B. aus persönlichen Motiven wie Dankbarkeit oder Parteitreue, versucht sein, durch expansive geldpolitische Maßnahmen, die Wiederwahlchancen der aktuellen Regierung zu verbessern.

Problem der Zeitinkonsistenz: Das Barro-Gordon-Modell

Zeitinkonsistenz liegt vor, wenn es zu einem bestimmten Zeitpunkt optimal ist, eine zukünftige Maßnahme anzukündigen, diese aber dann, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, nicht mehr optimal ist. Hintergrund eines solchen Phänomens ist, dass die Ankündigung der Maßnahme bereits ein bestimmtes Verhalten auslöst, welches dann die Optimalität der Maßnahme beeinflusst.

Ein simplifiziertes Beispiel

In einem Kurs möchte der Dozent die Studenten dazu bringen, sehr viel zu lernen. Er kündigt daher eine lange und schwere Klausur an. Daraufhin lernen die Studenten, um die Klausur zu bestehen. Am Ende des Semesters erkennt der Dozent anhand der Mitarbeit im Kurs, dass die Studenten den Stoff verstanden haben. Es ist also nicht mehr nötig, die Klausur zu schreiben, um das Ziel zu erreichen, vielmehr fallen nur Belastungen in Form von Erstellung und Korrektur beim Dozenten und dem Prüfungsstress bei den Studenten an. Die Ankündigung der Klausur war also optimal, um die Studenten zum Lernen zu animieren, und diese Verhaltensänderung hat die tatsächliche Durchführung obsolet gemacht.

1So war beispielsweise insbesondere in Deutschland sehr umstritten, ob die Rettungsaktionen der EZB für den Euro (bzw. Griechenland und dann die PIIGS Staaten), denn von Ihrem Mandat gedeckt seien.


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Prof. Dr. Christian Bauer
Lehrstuhl für monetäre Ökonomik
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